Das war es zumindest für
unser Gefährt, das 65er Serie II-Coupe (Ex-Peter Lemke), das seit 1975 seine
Heimat nicht mehr gesehen hatte. Wir, das sind meine Freundin Maryam, die sich
selbst durch anhaltenden Abgas- und Benzingeruch im Innenraum nicht davon
abhalten lässt, klassisch zu reisen, und ich selbst.
Aber der Reihe nach.
Zunächst schien die Teilnahme am Jahrestreffen wie schon vor zwei Jahren
gefährdet zu sein, nachdem sich die Bremsanlage bis wenige Tage vor der Abreise
hartnäckig jedem Reparaturversuch widersetzte. Bevor dann der stets
zuverlässige Karmann-Ghia herhalten musste, der ja auch über diverse
italienische Gene verfügt, hat es dann aber doch noch geklappt.
Wir trafen uns mit dem
(für uns) üblichen akademischen Viertel Verspätung am Parkplatz Siegburg mit
dem Präsi, Rainer Schön und Hans-Dieter Kita, um dann bei gemächlichen 150-160
km/h gen Süden zu rollen. Der Verbrauch lag bei satten 15 Litern, die Frisur hielt.
In Walldorf stießen Hartmut und Anette mit dem einzigartigen Michelotti zu uns
und weiter ging‘s, nach kurzer italienischer Vesper, in Richtung Kochs Klassik
in Heilbronn. An den langen Autobahnsteigungen schien Hans-Dieter über das
durchzugsstärkste Auto zu verfügen, und in der Tat lüftete er lange nach der
Tour das Geheimnis der Mehrleistung: ein in unzähligen winterlichen
Arbeitsstunden von Hand auspolierter und optimierter Abgaskrümmer, angeblich.
Bei Horst Koch gab‘s dann
einiges zu bestaunen: die für Paris-Moskau präparierte Heckflosse aus der
Motor-Klassik, einige wunderschöne Siata mit ordentlich Leistung, und natürlich
der rote 2300 S Abarth, dessen Auspuffrohr jedem Gruppe 3-Prototypen zur Ehre
gereicht hätte. Dementsprechend war dann auch der Sound, denn bei der
Besichtigung der weitgehend originalen und originellen Fahrzeuge ließ es sich
Horst Koch nicht nehmen, den einen oder anderen Motor „warmzumachen“.
Dann durfte erst mal
geschraubt werden, da wir kurz vor Heilbronn Anette und Hartmut verloren
hatten. Die Ortswahl des Malheurs erwies sich als praktisch, der ADAC als
zuverlässig. Meister Koch war nicht nur gastfreundlich, sondern auch in
Nullkommanichts Herr der technischen Lage: was die Pressluft aus Hartmuts Tank
hervorzauberte, sah mehr nach dem Abgang einer römischen Kloaka Maxima denn
nach Sprit aus, kein Wunder also, dass der Michelotti zuvor an Leistungsmangel
zu leiden schien und schließlich gar nicht mehr wollte.
Im Hotel in Wolfegg-Alttann
warteten dann schon diverse andere Teams auf uns, und nach einem gemeinsamen
Essen präparierten sich die Teams auf die unterschiedlichste Art und Weise für
die Orientierungsfahrt am kommenden Morgen.
Wer es zuvor noch nicht
wusste, erfuhr es jetzt: das Allgäu ist landschaftlich mindestens so schön wie
die Toskana, aber lange nicht so überlaufen und hysterisch. Unsere Truppe
rollte mit etwas mehr als Leerlaufdrehzahl über kleinste Sträßchen und
idyllische Landschaften zunächst zur Besichtigung der Benediktinerabtei
Weingarten. Es folgte ein Eisdielenbesuch im Cafe Italia in Bad Waldsee, dann
über diverse Nebensträßchen die Fahrt nach Wolfegg, wo wir Fritz B. Buschs
Automuseum besuchten, einschließlich Begrüßung und Führung durch seine Tochter und
jetzige Museumsleiterin Anka Busch. Zusätzlich zu sehen waren ein sehr schönes
blaues Dino-Coupe, der 850 Spider der Familie Steck sowie ein etwas verloren
wirkendes, aber sehr schönes 12 M P4 Taunus-Coupe.
Am Sonntag fuhren Maryam
und ich nach Abreise der anderen Teilnehmer dann mit Anette und Hartmut bei
immer noch schönstem Wetter nach Wangen, das mit einer wunderbaren historischen
Altstadt begeistert. Das abschließende Eis beim Italiener erarbeiteten wir uns
zuvor hart bei einem Stadtrundgang. Bei einer Stippvisite in Isny-Neutrauchburg
und der Suche nach einem Badesee hat uns dann der erste Regen erwischt, der bis
zum nächsten Morgen anhielt. Spannend der Befund am Fahrzeug: nachdem die
Frontscheibe nach endlosen Abdichtungsorgien nun dicht hält, tropft es aus der
Achse des Scheibenwischers. Bei der Gelegenheit wurde dann auch gleich eine
Spritleitung abgedichtet und der Verbrauch sank auf 14 Liter.
Nachdem wir im
Bildhaueratelier meines Freundes Hermann in Isny noch bei der „Entkleidung“
eines Apoll und einer Diana (lebensgroß) Hand anlegen durften, die künftig den
Park des Nymphenburger Schlosses in München zieren werden, ging es weiter über
den Bodensee/Bregenz nach Chur, ab dort über wunderbare Nebenstrecken nach
Valbella-Lenzerheide.
Je weiter wir in die
Berge kamen, umso sehnlicher war der Wunsch nach einer anderen Übersetzung. In
engen Kehren ging eigentlich nur noch der erste Gang, im zweiten war nicht
einmal ein Standard-Käfer zu halten. Also ab auf den Wunschzettel: ein
5-Ganggetriebe mit enger Abstufung.
In Tiefencastel dann der
Abzweig ins wunderbare Bergüner Tal, in Richtung des noch gesperrten
Albulapasses. Nach wenigen Km nahmen wir dann noch ein Bad im Freien: Surava
hält ein Heilbad mit schwefelhaltigem Wasser vor, mitsamt des ganzen Wellness-Krams
hoch und runter sowie eines Golfplatzes. Hier machten wir das erste Mal
Bekanntschaft mit dem eidgenössischen Preisniveau, da hatten wir die Schuhe
aber schon aus. Hurra zur Fränkli-Olympiade!
Der Ort Bergün ist ein
Traum: ein romanisches Dorf mit hervorragend erhaltener alter Bausubstanz. Über
allem thront das Kurhotel in reinstem Jugendstil. Das Haus ist absolut
bezahlbar mit schönen Einzelzimmern und Ferienwohnungen.
Dort trafen wir auch eine
Käferfraktion auf dem Weg nach Italien.
Nach zwei sonnigen Tagen
brachen wir weiter nach Süden auf: über den schneebedeckten Julierpass nach St.
Moritz, das um diese Jahreszeit wie ausgestorben da liegt und gar nichts
Mondänes ausstrahlt, weiter über den Berninapass und vorbei an der Diavolezza,
auf der sich Skifahrer durch den schweren Firn kämpften.
Nach dem Grenzübertritt
wurde dem Wagen im wilden Val Camonica nichts geschenkt. Schwerarbeit am Steuer
bei Spitzkehren, die mitunter sogar zum Zurücksetzen zwingen. Immer dabei die
quälende Frage, ob die Bremsen halten, die dann auch tatsächlich eine ziemliche
Geräuschentwicklung boten. Aber ich hatte beschlossen, erst bei ganz harter
Indikation, sprich Totalausfall, aktiv zu werden und solange die Landschaft zu
genießen.
Der Lago d’Iseo, westlich
des Gardasees zwischen Brescia und Bergamo gelegen, präsentierte sich
schließlich von seiner schönsten Seite. Sehr pittoresk ist der Ort Iseo direkt
am See, und das dortige Hotel Milano sollte man sich für kommende Touren
merken: bezahlbar und mit schöner Atmosphäre. Wir haben leider genau das
Gegenteil gebucht, deshalb klammern wir dies Kapitel hier aus.
Ganz Iseo war voll mit
Klassikern, auch Teilnehmer der MM mit bereits aufgeklebter Startnummer, da die
Fahrzeugabnahme der Vorkriegswagen neuerdings bereits am Mittwoch vor dem
eigentlichen Start stattfindet.
Wir aßen am Ufer und bekamen das volle Programm
geboten: ältere Herren flanieren mit deutlich jüngeren Damen, graumelierte
Mittfünfziger präsentieren sich im offenen Ferrari; am Nachbartisch die beiden
sympathischen Schweden, die mit Volvo Amazon angereist sind und die kühlen
Hellen schneller wegzischen als wir zählen können. Der Internationale Alfa-Club
hatte ein ganzes Hotel gemietet: im Angebot sind Giulia, Bertone Coupe und ein
Rundheck-Spider sowie ein paar moderne Ausgaben. Leider kein Montreal, dafür
eines der seltenen 2600 Cabriolets mit schöner Patina.
Sofort fällt auf, was für
die gesamte Mille Miglia gilt: alles sind gut gelaunt und kommunikationsbereit.
Man fühlt sich direkt als Teil einer famiglia. Einzige Ausnahme auch in Italien
die Pagodenfahrer, die mal wieder ihrem Ruf als Unsympathen gerecht werden und
offenbar eine versteckte Art von Humor pflegen.
Bei unseren weiteren
Studien zur Sozialstruktur der Vintage-Car-Gemeinschaft konnten wir schnell
auch andere bekannte Vorurteile bestätigen: klar erkennbar, welche Modelle bzw.
deren Besitzer das größte Repräsentationsbedürfnis umtreibt; ebenso schnell
geben sich die CopilotInnen zu erkennen, die unfreiwillig mit auf Tour sind und
eigentlich viel lieber in der Mailänder Innenstadt Schuhe einkaufen würden. Die
Lösung: beides verbinden.
Am Donnerstag früh dann
der Aufbruch in das Mekka der Oldtimerwelt: Brescia. Ein Parkplatz in
Innenstadtnähe war schnell gefunden, vor dem Optikergeschäft eines schwäbischen
Autonarren, der während der Geschäftszeit ein waches Auge auf unser Fahrzeug
warf.
Wer ganz nah parken und
sich mit seinem Alltagsklassiker unbedingt in die Nähe und die Konkurrenz des
Starterfeldes begeben wollte, erfuhr schnell die Tücken des Geschäfts: auf dem
Weg zur Piazza Vittoria begegneten uns nicht weniger als vier Abschleppwagen
(mit Ladung!). Entgegen des früheren Konzeptes waren nun die
Teilnehmerfahrzeuge nicht mehr auf einem Platz versammelt, sondern geordnet
nach Marken und verteilt auf den ganzen Innenstadtbereich.
Auffällig war dabei die
Betonung der Sponsorenmarken, während etwa die Marke Maserati in der
Aufstellung völlig fehlte. Den Fiat war ein kleiner Bereich auf der Piazza
neben Alfa Romeo und Ferrari reserviert, wo ein Abarth 750 MM, ein 1100 Sport,
drei 1100 MM, sowie mehrere 8V aufgestellt wurden.
Absolutes optisches und
akustisches Highlight ist aber auch der neue und streng limitierte Alfa 8C
Competizione Spider.
Den abendlichen Start der
Fahrzeuge durch die Innenstadt verfolgten wir von der Terrasse einer Trattoria
aus, die an der Straße umfangreich bestuhlt hatte. In den folgenden drei
Stunden erlebten wir dann die unterschiedlichsten Techniken der Offen-Fahrer, sich
hinter den Windscreens vor dem einbrechenden Platzregen zu schützen, der für
den MM-Start obligatorisch zu sein scheint. Beste Haltungsnoten verdiente sich
dabei Jochen Mass am Steuer von Startnummer 722, dem legendären
Stirling-Moss-Silberpfeil, des Wagens also, der hier nach wie vor den
Streckenrekord hält.
Nach einem ebenso
verregneten Folgetag brachen wir Samstags zur Rückfahrt auf; bei flotter
Fahrweise waren es nun nur noch 12 Liter Verbrauch, offenbar hatte sich da
einiges „freigefahren“. Die Bremsen hielten immer noch, dafür war der Endtopf
locker (aber glücklicherweise geht es ja auch ohne). Im Stau vor dem St-
Gotthard-Tunnel noch einmal beschleunigter Puls, als der Motor warm wurde und
der Lüfter trotz separatem Schalter nicht anläuft. Durch die steigende
Motorwärme hatte sich offenbar die Lüfterwelle bei zu weit eingestelltem
Luftspalt so weit gedehnt, dass der Magnetschalter nicht mehr anzieht, der
Lüfter kühlte also nur dann, wenn der Motor noch nicht warm ist, und nicht
dann, wenn er eigentlich soll. Selbstredend sind die gekürzten und leicht
gekröpften Schlüssel zur Einstellung des Magnetschalters zu Hause geblieben.
Das Handbuch vermerkt hier nur lapidar: „ist durch Eindrehen der entsprechenden
Schrauben festzusetzen.“
Ansonsten scheint dem
Wagen die lange Tour gut getan zu haben, so geschmeidig und ruhig ist er zuvor
nie gelaufen.
Die letzten Rückkehrer
der Mille Miglia, u.a. einen Talbot in französischer Rennfarbe hellblau habe
ich dann während einer Dienstreise in England eine Woche später auf dem Hänger
vor dem Hotel gesehen.
Alles in allem war es
eine runde und schöne Tour, die fahrerischen High-Lights sind dabei klar die
Alpenquerungen – in 2009 wird es vermutlich also eine Neuauflage geben,
jedenfalls dann, wenn die Bremsen halten.